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Eindrücke vom Kirchentag

Kirchentag in Frankfurt am Main – 13.-17. Juni 2001 „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“

Mittwoch
Mit dem Sonderzug von Duisburg nach Frankfurt Hauptbahnhof – mit einer Viertelstunde Verspätung kommt der Zug dort an.
Im Kirchentags- /Kulturprogramm ein Hinweis: kostenlose Karten für die Oper Peter Grimes von Benjamin Britten können an der Tageskasse des Opernhauses gegen Vorlage der Kirchentagskarte abgeholt werden. Erste Aktion also: Mit der U-Bahn zum Willy-Brandt-Platz. An der Theaterkasse: Keine Karten mehr da! Es gab nur 120 freie Karten; alle schon weg. Ich hätte noch Karten kaufen können.
Also wieder zurück zum Hauptbahnhof; auf mit der S-Bahn nach Dreieich-Buchschlag (Richtung Darmstadt). Warum gibt es eigentlich keine Haltegriffe in der S-Bahn? Der entsprechende Griff geht ins Leere – „ein ganz neues Fahrgefühl“, wie es später einmal ein anderer Fahrgast formulieren wird. Eine schöne Wohngegend dort; noble Häuser. Durch einen Wald gelangen wir zur Selma-Lagerlöf-Grundschule; werden dort freundlich empfangen. Der Hausmeister hat eine große Pumpe für uns; die Luftmatratzen lassen sich damit wunderbar aufblasen. Wir können wiederkommen wann wir wollen; allerdings kommt die letzte S-Bahn um 1.27 Uhr an.
Nun also schnell auf zu einem Eröffnungsgottesdienst – eigentlich wollten wir zu einem internationalen – aber dazu ist es nun zu spät. Also ab zur zentralen Auftaktveranstaltung am Römer. Brechend voll die Stadt, aber wozu gibt es Videoleinwände und Lautsprecheranlagen. Wir singen das Kirchentagslied. Wolfgang Thierse spricht. Roland Koch ist angekündigt. Doch da fällt die Lautsprecheranlage aus – man sieht nichts mehr, man hört nichts mehr. Ein Zeichen?
Wir essen an einem Stand riesige vegetarische Teigtaschen und finden schließlich auch eine Kneipe, wo wir draußen köstlichen Äppelwoi genießen können.
Und dann ist ja noch ein Konzert mit Klaus Lage angekündigt – also wieder zum Römer. Schön singt er, der Klaus Lage – ein Stück lang kann ich mir seinen Gesang anhören, denn offenbar kamen wir zu spät, es war das letzte Lied, und dann ist das Konzert zu Ende. Nun also noch der Abendsegen, und dann ist Schluß.
Jetzt schon nach Hause? Caro kennt sich aus in Frankfurt, hat hier Latein gelernt. Wir schauen uns den romantischen Main an, überqueren den „Eisernen Steg“. Wir blicken auf die Banken gegenüber. Große aufblasbare Christusfiguren sind hoch oben zu sehen – Christ und Mammon.
Auf zum Südbahnhof – er wird in den nächsten Tagen unser bevorzugter Abfahrtsbahnhof.
Zurück nach Buchschlag – war es schon die letzte S-Bahn?
In unserem Klassenraum begegnen uns die wirklich wichtigen Fragen des Lebens der Grundschulkinder: „Warum lernt Otto lesen?“ „Wo ist die Laterne?“
Jetzt aber ab ins Bett. Wir sind schließlich nicht zum Vergnügen hier.

Donnerstag
Um 6.45 Uhr ist die Nacht zu Ende.
Eine gute Zeit zum Aufstehen. Die Duschen sind frei. Ab ins gegenüberliegende Gemeindehaus der Ev. Kirchengemeinde. Wiederum ein freundlicher Empfang zum Frühstück. Nicht einmal Geschirr und Besteck brauche ich mitzubringen – hatte ich sowieso vergessen!
Auf zur Bibelarbeit in die Paulskirche. Schön hell ist es hier. Bequeme Sitze. Gute Akustik. Die Wiege der deutschen Demokratie. Hier findet der christlich-jüdisch-muslimische Dialog statt. Die Professoren Friedlander, Stöhr und Balic legen Bibel und Koran aus. Psalm 118: Gottes Freundschaft ist von Dauer. Keine Glaubensrichtung soll sich arrogant über die andere erheben. Alle haben denselben Gott.
Weiter geht´s. Ab aufs Messegelände. Festhalle. Eine riesige Halle für 9.000 Menschen. Brechend voll.
Hier diskutieren Gregor Gysi und die Hannoveraner Bischöfin Margot Käßmann über das Thema „Glaubhaft glauben“. Gysi wird gefragt, ob Jesus heute in die PDS eintreten würde. Seine Antwort: Er hoffe zumindest, daß er nicht Mitglied der CDU würde.
Käßmann macht sich für die „Spaßkirche“ stark, die ohnehin auf dem Kirchentag überall greifbar ist, auch wenn sie es nicht so formuliert. Sie glaubt, daß man Jugendliche heute nur noch mit Projekten ansprechen kann, und in verschiedenen Kirchen sollten jeweils Zielgruppengottesdienste für Familien, junge Leute, alte Leute angeboten werden.
Kurzes Treffen im „Leib-und-Seele-Café“, dann erst mal Mittagessen. Weg vom Messegelände. Zu voll. Köstliches Mittagessen in einem thailändischen Imbiß.
Danach mal etwas ganz anderes: Gcina Mhlophe, Geschichtenerzählerin aus Südafrika in der Gethsemanekirche. Eindrucksvoll. Und Lieder singt sie auch. Lieder, bei denen sich alle mitbewegen können.
Danach dann wieder aufs Messegelände. Erster Besuch auf dem Markt der Möglichkeiten. Einsammeln von Materialien zu interkultureller Erziehung von der GEW und der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen.
Endlich keine lange Schlange mehr an den Ständen mit den vegetarischen Köstlichkeiten. Zum Abendessen also der gemischte Teller für 16 DM.
Dann ab ins Zelt des Hessischen Rundfunks. Dort wird die Akustik ja wohl gut sein. Es tritt auf: Die deutsche Bluesgruppe Laith Al-Deen. Wunderbare Akustik, in der Tat. Wunderbare Musik. Ein kulturelles Highlight. Besonders die Lieder „Ich will nur wissen“, „Bilder von dir“ und „Noch lange nicht genug“. Die entsprechende CD wäre ein guter Geschenktip!
Nun aber wieder los! Da ist ja noch das Open-Air-Kino am Mainufer. 2001 – Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick. Ein Film, in dem es um die Erschaffung künstlicher Intelligenz durch den Menschen und um die Suche des Menschen nach sich selbst geht. Ein wichtiger Film also! Nach über zwei Stunden dann wieder mal zum Südbahnhof – fast die letzte S-Bahn.

Freitag
Und wieder ist die Nacht um 6.45 Uhr zu Ende.
Wieder zur Bibelarbeit in die Paulskirche – was sich bewährt hat, kommt wieder. Bischof Hein, Bischof Kamphaus und Dr. Elyas legen Bibel und Koran aus – Bibeltext 1. Mose 12: Abraham und Sara in Ägypten. Bischof Kamphaus interpretiert das Leben als Aufbruch. Man soll nicht verweilen, soll sich dem Neuen öffnen. Aber auch standhaft sein.
Nun aber mal etwas länger zum Markt der Möglichkeiten! Wir wollen schließlich schauen, ob es neue Kinderbibelwochen-Mappen gibt. Und es gibt sie tatsächlich. Völliges Gedränge. Aber wir dürfen uns hinter einen Stand setzen und sie in Ruhe ansehen. Aber noch mehr Material können wir nicht nach Hause transportieren – also bestellen wir an allen Ständen die Mappen, die uns noch fehlen.
Und dann wieder weg von der Messe und das eher traditionelle vegetarische Mittagessen in der Stadt eingenommen – und Äppelwoi dazu getrunken.
Später wieder ein Abstecher ins „Leib-und-Seele-Café“ – wieder auf dem Messegelände.
Und das Zelt des hessischen Rundfunks bürgte ja bisher für Qualität – warum sich also nicht die „U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“ ansehen und anhören? Ein völlig krasses Programm – eine Mischung aus Comedy und Rocktheater – aber sehr unterhaltsam – 4 Zugaben – selbst ein Lied von Nena wurde geboten – die ja auch heute vor der Alten Oper auftritt. Wirklich schrille Kleidung – und am Schluß die Biene Maja im Bienenkostüm. Als  Höhepunkt ein Mix der 1970er Jahre.
Was hat das alles mit Kirche zu tun? Auch die Frankfurter Rundschau fragt sich in ihrer Ausgabe vom 16. Juni 2001, ob dabei „die Botschaft Gottes rüberkommt“. Da ist sie also wieder, die Spaß- bzw. Eventkirche.
Also noch etwas Erbauliches zum Ausklang des Tages: Gebet zur Nacht mit der Musikgruppe Akzente und Professorin Dorothee Sölle. Sie stellt sich Gott als ihre Freundin vor.
Wohin dann? Zum Südbahnhof! Und wieder fast die letzte S-Bahn.

Samstag
Und wieder geht es früh los. Die anderen schwächeln bereits. Also fahre ich allein zur Bibelarbeit. Heute aber mal woanders. Auf zu Philip Potter, dem ehemaligen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen ins Ökumenische Zentrum Christuskirche. In der Nähe der Universität. Gut zu wissen! Denn da muß ich später noch hin. Erst einmal wird gesungen: „Over my head, I can hear music in the air – there must be a God somewhere“. Ein schöner inspirierender Gesang. Die Bibelarbeit ist auch in Englisch – kein Problem, wozu hab ich´s schließlich studiert? Es geht um Heilung – Markus 5,21-43: Zu neuem Leben erweckt. Jesus befreit eine Frau von ihren Blutungen und heilt die Tochter des Synagogenvorstehers. Potter fordert die Anwesenden zu Stellungnahmen und Diskussionen auf. Mal etwas anderes. Einzelne wollen selbst auch Heilungen miterlebt haben – in Äthiopien.
Zwischendurch heißt es ein bißchen einkaufen in der Stadt – dann Mittagessen und Bläserchöre am Römer. Überhaupt gibt es hier viele Bläserchöre – in S-Bahnstationen und in der ganzen Stadt.
Und weiter geht’s – wo die Uni ist, weiß ich ja schon – Hochschule als interkultureller Lernort – es sind allerdings nur 25 Personen in dem 200-Personen Hörsaal. Haben Studentinnen und Studenten unterschiedlicher Kulturen wirklich so wenig miteinander zu tun?
Anderer Ort, anderes Thema: Zoo-Palais: Müssen Christen Vegetarier sein? Professor Altner referiert zum Thema Ehrfurcht vor dem Leben. Es geht um Tierschutz und Umweltfragen; Themen, die offenbar in der Kirche nicht gern diskutiert werden. Immerhin bin ich sowieso schon Vegetarier.
Als Abendessen sollen jetzt mal ein paar Bretzel reichen – nach all dem Futtern.
In der Jugendkirche St. Petri waren wir noch nicht – dort gibt es noch eine Riesenportion Kartoffelsalat – hätte ich die Bretzel doch lieber nicht gegessen.
Hier trifft sich die Jugend – draußen zum Tanzen, drinnen im Internetcafé und in der Kirche zur Abschlußparty, gestaltet vom – wer hätte das gedacht? – Hessischen Rundfunk. Also ist ja wieder mit guter Akustik zu rechnen! Es beginnt mit einer „Performance“ – auf vier Podesten sieht man – zunächst von Tüchern umhüllt – später Tänzer und Tänzerinnen. Eine Asiatin, dann eine Afrikanerin, Bulgaren und schließlich Lateinamerikaner führen Tänze ihrer Länder vor. Sehr eindrucksvoll. Allerdings klingen die afrikanischen Trommeln schon sehr elektronisch. Und danach geht es richtig los – House- und Techno-Musik bis 24 Uhr. Bummbummbumm – der Diskjockey hat einiges angemixt und reiht Lied an Lied. Die Jugend ist begeistert. „Geil! Fette Party!“ sind die Kommentare – mir fliegen die Ohren weg. Unter www.jugendkirche.de kann die Jugend noch einmal ihren Kirchentag Revue passieren lassen.
Ein letztes Mal zurück nach Dreieich-Buchschlag – diesmal nicht vom Südbahnhof aus.
Schnell schlafen – morgen geht´s noch früher los.

Sonntag
Aufstehen um 6.30 Uhr – erst mal duschen. Schnell die Sachen zusammenpacken – waren Tasche und Rucksack am Anfang auch schon so voll???
Um 8.08 Uhr fährt die S-Bahn – und vom Hauptbahnhof fährt ein Sonderzug zum Waldstadion – im Bahnhof alles brechend voll – im Zug auch. Warum rücken die Leute nicht weiter durch? Am Stadion schnell das Gepäck abgegeben – und dann ins Stadion. Wo haben Leute Karten für die Tribünenplätze her? Also Block A, Stehplatz. Aber auf einer großen Videowand kann mal alles sehen. Professor Elisabeth Parmentier predigt über Offenbarung 21,22-27: Jerusalem – offene Stadt. Wir sind alle müde – da können wir nicht mehr alles mitbekommen. Nach dem Gottesdienst: Gepäck abholen, Warten auf den Sonderzug, der direkt vom Stadion aus abfährt. Er hat nur eine Viertelstunde Verspätung. Wagen 13 fehlt – auf der Hinfahrt war er noch da. Die entsprechenden Leute müssen die Fahrt auf Notsitzen im Flur verbringen. In Duisburg angekommen ist der Anschluß an die Regionalbahn nach Essen sofort da.
Die Jugendmesse You ist gerade zu Ende. Auf dem Essener Hauptbahnhof ein Gedränge wie in Frankfurt. Einigen der hier versammelten Jugendlichen hätte der Kirchentag sicher auch gefallen. Spaß- und Eventkirche eben.

Ralf Müller


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