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Das goldene Wort
Dezember 1999

Eine Andacht zur Adventszeit soll es werden. "Kein Problem", lautet mein erster, "mmhh, ganz schön schwer", mein zweiter Gedanke. Dazwischen liegen Erinnerungsfetzen an viele vergangene Adventszeiten: gesammelt-still, in froher Erwartung der Ankunft des Sohnes Gottes, der zum Licht der Welt wurde – das war ich häufig nicht.

Da gab es die gelangweilte Schülerin, die jedes Jahr den obligatorischen Anti-Konsum-Aufsatz "Süßer die Kassen nie klingeln" schreiben mußte. Auch sehe ich mich als genervte Tochter, die der Großputzerei und -schmückerei unserer Wohnung am liebsten entflohen wäre. Und wie oft war ich in den letzten Jahren die genervte Hausfrau, die vor lauter Einkaufsstreß und Bastel- und Backterminen in Kindergarten und Schule mehr gestöhnt als behaglich geseufzt hat. Kommt Ihnen, lieber Leser und vor allem liebe Leserinnen, das bekannt vor?

Jedes Jahr ärgern wir uns wieder in der dunklen Adventszeit (oder schon viel früher) über die Geschäftemacherei nach dem Motto "Konsum und Kitsch fürs Gemüt", über den verlogenen Mißbrauch der christlichen Botschaft in den Medien, über die Hetze, das Geschimpfe an der Warenhauskasse, die drangvolle Enge allerorten und über quengelnde Kinder, die den Hals nicht voll kriegen.

Und doch... da ist doch noch – zum Glück und immer wieder neu – die helle Seite der Adventszeit. Es gibt sie für uns alle: die Zeit, die so anders ist als alle anderen Zeiten des Jahres.

Für meine Tochter ist es die Zeit der besonderen Gerüche und des geheimnisvollen Knisterns. Für meinen Mann die Zeit des Noch-näher-Beisammenseins, der gemütlichen Kaffee-Plätzchen-Runden und der Vorleseabende. Für mich selbst ist es die helle Zeit, die Tage der vielen warmen Kerzenlichter. Tage, die auch von bewußter Nachdenklichkeit geprägt sind über das Licht der Welt, auf das wir in dieser Zeit warten, und das wir so bitter nötig haben.

Beim Nachsinnen helfen mir da oft die Texte der Kirchenlieder, die Adventsfrömmigkeit widerspiegeln. Die in ihnen enthaltenen Motive führen den Reichtum vor Augen, der uns mit diesen Wochen vor dem beliebtesten Fest des Jahres gegeben ist. Diese Liedtexte können eine Hilfe sein, die Zeit vor Jesu Geburt intensiver zu erleben, die Tageshektik abzustreifen, bisweilen einfach ein Stück ruhiger zu werden.

Während das Brauchtums-Motiv der Adventszeit in den eher ‚weltlichen’ Liedern uns ständig umgibt – nur die Stichworte Tannenduft, Kerzen, Schleifen und Plätzchen seien hier genannt – möchte ich an dieser Stelle Ihren Blick auf das Königs-, Buß-, Kind-, Erwachsenen-, Mystik- und Hoffnungsmotiv lenken.

Da findet sich in dem Lied "Tochter Zion" das Königsmotiv. Wir warten in dieser Zeit ja nicht auf einen, den Protz und Prunk als König zu erkennen geben, sondern auf den Friedefürsten, den milden Davidssohn, der seinen Friedensthron auf ewig errichten wird. Wonach, wenn nicht nach Frieden, sehnen wir uns immer schon und gerade nach diesem von Kriegsgreueln so erfüllten Jahr?

Aber auch unsere Aktivität ist gefordert in den Liedern. So herrscht im Lied "Mit Ernst, o Menschenkinder" das Bußmotiv vor. Dort wird das demütige Herz als Voraussetzung für das "rechte Bereiten" der Ankunft des Herrn beschworen. Schwer ist das für uns alle, so meine ich, in einer Welt, in der oft nur äußerer Schein und glanzvolle Show zählen.

Das Kindmotiv, wie es im Lied "Ach lieber Herre Jesu Christ" angesprochen ist, zeigt wohl den zu beschreitenden Weg. Dem, der das Wunder der Weihnacht wie ein Kind sehen, bestaunen und als Geschenk empfangen kann, dem "gehört das Himmelreich" – einerlei, was er auf Erden darstellt.

Weitere Motive spreche ich nur kurz an. Das Erwachsenen-Motiv beispielsweise! Manche Texte sprechen direkt oder indirekt die Aufforderung an uns aus, nun (endlich) im Glauben reif zu werden, gerade indem wir uns von der starken Hand des Jesuskindes führen lassen. Oder das mystische Motiv, etwa in der Bitte enthalten "O komm, gewinn, entwaffne mich, sieh mich, rühr mich an. Bekämpf mich, triff mich, wart auf mich und tau mich auf, enträtsle, was ich bin."

Das mir – wie auch vielen Menschen – wichtigste Motiv aber ist und bleibt das Hoffnungsmotiv, wie es besonders schön in dem Lied "Die Nacht ist vorgedrungen" von Jochen Klepper aus dem Jahre 1938 zu finden ist. Klepper stellt ganz realistisch fest, daß noch manche Nächte voller Menschenleid und –schuld bevorstehen. Wie recht er im Rückblick behalten sollte! Hatte doch damals Deutschlands bislang dunkelstes historisches Kapitel gerade begonnen. Und doch bestand und besteht Hoffnung. Und doch ist für den, der Ohren, Augen und alle Sinne aufsperrt für das Wort und die Botschaft darin, alles anders, denn "es wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld". Diesem Licht muß jedes noch so pechschwarze Dunkel letztlich weichen, denn "von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her".

Ich wünsche Ihnen allen, daß dieses Hoffnungsmotiv auch Ihre Adventszeit begleiten und Ihnen weit über diese Zeit hinaus Kraft, Freude und Zuversicht im Glauben schenken wird.

"Und wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein."

Astrid Roode-Schmeing

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