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Das goldene Wort
Dezember 2000

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehre einziehe!“

Dieser Psalmruf läutet die Adventszeit ein. Gott steht vor der Tür und begehrt Einlaß. Deshalb: „Machet die Tore weit!“ Dem „die Erde gehört und was sie füllt, der Erdkreis und die ihn bewohnen“, der steht vor dem Tor. Der 24. Psalm beginnt mit einem überschwenglichen Lobpreis Gottes als dem Herrn der Welt, um dann eben in den folgenden Versen Einlaß zu begehren für den Herrn der Welt in die Welt, genauer: in das Zentrum der Welt, in das Heiligtum und den Tempel in Jerusalem, von dem her die Alten Segen erwarteten für Stadt, Land und Volk.
Eine eigenartige Vorstellung: Gott nicht im Tempel, sondern auf dem Weg dorthin. Ein Heiligtum im Zentrum der Welt und Gott nicht darin, sondern draußen vor dem Tor. Das klingt nicht nur merkwürdig, das mutet geradezu komisch an. Und in der Tat: solange wir unseren Blick auf das gottlose Heiligtum richten, bleibt der Anblick merkwürdig, ja komisch. Ein Tempel ohne Gott ist doch nur die Karikatur eines Tempels. Aber nun lenkt der Psalmist unsere Aufmerksamkeit nicht auf das Heiligtum ohne Gott, sondern auf Gott vor dem Tor. In gehobenem Ton wird erzählt vom Einzug des Herrn. Die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den bewegenden Vorgang am Tor.
Die Vorstellung eines Tempels ohne Gott ist gewiß merkwürdig. Aber bei weitem merkwürdiger noch ist die Vorstellung, daß Gott selbst vor dem Tor steht und in den Tempel erst noch eingelassen werden muß. Auf dem Weg der Menschen zum Heiligtum kommt Gott daher. Der ewige Gott kommt auf irdischen Wegen, der himmlische Herr, der Schöpfer der Welt, kommt auf Wegen, von Menschenhand gemacht, daher. Er unterwirft sich den Regeln menschlichen Verkehrs und begehrt Einlaß am Tor. Steigt nicht über die Mauer, kommt nicht senkrecht von oben, wie es ihm wohl auch anstehen würde, sondern macht sich den Vielen gleich und steht Rede und Antwort am Tor. Und ist doch der König der Ehren! Am Tor weist er sich ja aus als der Starke, der Held, der Sieger im Streit, der wohl jedes Tor der Welt sich zum Triumphbogen verwandeln könnte, um mit Ehren hindurchzuziehen. Der Gewaltige kommt, doch nicht mit einer Gewalttat. Der Mächtige gebraucht keine Macht, um in sein Eigentum einzuziehen.
Verkehrte Welt, möchten wir meinen. Gott klopft bei den Menschen an, statt daß die Menschen in den Tempel zu Gott kommen. Einleuchtender und geläufiger ist uns da schon die volkstümliche Variante, nach der wir, wenn unser letztes Stündlein geschlagen hat, an die Himmelspforte anklopfen und Einlaß begehren, und dann, nachdem wir dem himmlischen Türwächter Petrus Rede und Antwort gestanden haben, eingelassen oder abgewiesen werden. Merken wir die Verkehrung der Verhältnisse?
Der Psalm verweist uns nicht in den Himmel, sondern an die Erde. Und die hier rufen, begehren ja nicht Einlaß für sich selber, sonder für ihren Herrn und Schöpfer. Gott soll einziehen, das Licht und das Heil und der Frieden. Die Rufer wollen ihn ja höchstens begleiten, empfangen, erwarten. Der die Welt gut und heil erschaffen hat, der soll mit uns ziehn, bei uns einziehen, vor uns her ziehen. Recht und Gerechtigkeit und Heil unserer Erde uns vor Augen stellen. Und es geht nicht nur um seinen Einzug in den Tempel, sondern – großartiger noch! – um seinen Einzug in alle Welt. „Machet die Türen in der Welt hoch!“
Das weit geöffnete Tor gibt uns den Blick frei für Gott in der Welt, für Gott auf Erden. Wir müssen nicht in den Himmel ausziehen, um Gott zu finden, er zieht bei uns auf Erden ein. Nicht erst nach unserem letzten Stündlein läßt Gott sich sehen, auf unser Pochen an die Himmelspforte hin schon gar nicht, sondern er läßt sich schon jetzt sehen in unserem irdischen Leben, will, daß wir auch im Leben vor dem Tod mit ihm rechnen.
Bald ist Advent. Advent ist Wartezeit. Wir feiern sie in der Regel als die Zeit der wartenden Gemeinde. Doch Advent ist vor allem Wartezeit Gottes: die Zeit des auf seine Welt wartenden Herrn; Zeit Gottes, der einziehen will und darauf wartet, daß ihm die Tore und Türen in dieser Welt von innen, von Menschenhand, von uns geöffnet werden. Nicht wir sollen für kurze Zeit aus unserem Alltag auswandern, sondern er will für alle Zeit in unseren Alltag einwandern. Da zieht ein König der Ehren ein, der uns zeigen will, daß die höchste Ehre ist, aller Diener zu sein. Ein Herr, stark und mächtig, zieht ein, der uns zeigen will, wie groß die Stärke der Gerechtigkeit und wie unbesiegbar die Macht der Liebe ist. Ein Herr zieht ein, stark und mächtig im Streit, der uns zeigen will, der ist der Stärkste im Streit, der ihn zu schlichten und den Frieden zu stiften versteht, und der dabei nicht auf seine Rüstung vertraut, sondern für die Herstellung gerechter Lebensverhältnisse arbeitet.
Die Erzählung vom Einzug des Herrn in sein Heiligtum wird so zum Wort Gottes an uns, das Einlaß begehrt für den wartenden Herrn. Gott bricht auch diese Tür nicht auf, sondern redet mit uns und redet uns zu. Er bittet darum, daß wir uns ihm öffnen. Er wirbt darum, daß wir ihm Stimmrecht geben in unserem Leben. Und vor allem: Gott bittet darum, daß er unser Leben bereichern darf, bereichern darf mit sich selber. Der König der Ehren gibt uns die Ehre. Wer ohne Ehre ist unter den Menschen, hat den König der Ehre zur Seite. Und wer Ehre gefunden hat bei den Menschen, darf sie eintauschen gegen die Ehre des Herrn.

Detlef Brandenburger
 

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