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Das goldene Wort

Oktober 2016


Das Kleine kommt groß raus

 

Matthäus 19. Kapitel, Vers 13-15 (Einheitsübersetzung)

 „Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte und für sie betete. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab.

Doch Jesus sagte: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.

Dann legte er ihnen die Hände auf und zog weiter.“

Dieser Text wirft einige Fragen auf.

1.     Wer ist „man“? Wer brachte die Kinder zu Jesus? Das müssen ja Erwachsene gewesen sein. Warum wurden die Kinder eigens gebracht und kamen nicht wie selbstverständlich mit? Waren sie noch ganz klein und brauchten Begleitung, oder waren sie schon etwas größer?

Und gab es Erwachsene, die die Kinder nicht dabei haben wollten, beim Besuch der Großveranstaltung mit Jesus als Prediger? Die sie nur als störend empfanden?

Vielleicht waren es die Mütter, die tagtäglich mehr mit ihren Kindern zu tun hatten als die Väter und deshalb besser wussten, was wichtig für ihre Kinder war, die die Kinder mitgebracht hatten.

Und da es ja wohl andere gab, die die Kinder nicht mitnehmen wollten, kann man sagen: Es gibt solche und solche Erwachsene: Manche machen sich Gedanken darüber, was gut für ihre Kinder ist und trauen ihnen etwas zu, andere denken eher an sich und denken darüber hinaus: „Das Kind stört nur!“

2.     Warum wiesen gerade die Jünger die Menschen mit den Kindern so schroff ab? Gehörten sie auch zu denjenigen, die nur an sich und an die anderen Erwachsenen dachten und Kinder für dumm hielten? Jedenfalls hatten sie wohl von der Idee des Lernens von Anfang an, von der Kindheit an, von Frühförderung noch nichts gehört und hatten Jesu Vorbild noch nicht verinnerlicht und ihn auch nicht richtig verstanden, obwohl sie doch immer mit ihm zusammen unterwegs waren und ihn als Autorität anerkannten.

3.     Jesus will ausdrücklich, dass die Kinder zu ihm gebracht werden, er verweist sogar auf das Himmelreich, das ihnen gehöre. Nicht nur, dass ihm klar ist, dass man sich um Kinder kümmern muss, nein, sie scheinen sogar das Allerwichtigste zu sein. Gehört also den Erwachsenen nicht das Himmelreich? So scheint es zu sein, und wenn man sich in der Welt umschaut, ist in der Welt der Erwachsenen vielfach auch nichts vom Himmelreich zu sehen. Armut, Feindseligkeit gegenüber Fremden, Mord und Totschlag, Krieg: Alles Werke Erwachsener. Allzu leicht und allzu früh lernen Kinder, diese schlimmen Dinge zu verinnerlichen: Durch das schlechte Beispiel vieler Erwachsener werden sie in die von Erwachsenen geschaffenen bösen Verhältnisse hineingezogen.

Jesus hingegen schenkt den Kindern das Himmelreich, den Inbegriff aller guten Eigenschaften, er wendet sich somit gegen das Böse in der Welt und weist den Kindern die Rolle von Hoffnungsträgern zu, die vielleicht einmal eine bessere Welt schaffen werden, als es den Erwachsenen bislang gelungen ist. In diesem Sinne legte er ihnen die Hände auf und zog weiter.

4.     Was heißt, er zog weiter? Segnete er also nur die Kinder und nicht die Erwachsenen? Es scheint so zu sein, denn von deren Segnung ist nicht die Rede. Vielleicht war er auch ärgerlich über sie und auch über seine Jünger, weil sie die Kinder so schlecht behandelten und so schroff zurückwiesen. Die Kinder haben ihre Zukunft noch vor sich, und dafür wird ihnen Gottes Segen zuteil. Erwachsene müssen sich Gottes Segen offenbar erst wieder hart erarbeiten.

Er zog weiter, weg war er, hat er zu den Erwachsenen überhaupt noch gepredigt? Oder hatte er nun Wichtigeres zu tun, musste er sich erst einmal seine Jünger vornehmen?

Der Bibeltext, der einerseits die Kinder in den Mittelpunkt stellt, lässt andererseits kaum ein gutes Haar an den beteiligten Erwachsenen.

Das Kleine kommt groß raus, das kann man schon so unterschreiben, wenn man den Bibeltext liest. Da werden auf einmal die Kleinen ganz groß und wichtig und die Großen ganz klein und nebensächlich.

Kleine können Manches schon besser als Große: Balancieren und Jonglieren im Zirkus, Bastelideen kreativ und künstlerisch weiterentwickeln, fröhlich und unvoreingenommen an Dinge herangehen, offen und ohne Vorbehalte auf andere zugehen.

Aber Kinder müssen sich natürlich auch anstrengen im Leben. Nichts wird einem geschenkt. Man muss Mut zeigen und sich selbstbewusst und hilfsbereit zugleich geben.

Man muss Vieles selbst ausprobieren, Ziele entwickeln und diese im Auge behalten und niemals sagen: „Das kann ich nicht!“

„Das kann ich noch nicht!“, so muss es heißen.

Und wir Erwachsenen? Machen wir es anders als die Menschen, die Kinder abweisen? Geben wir ihnen genügend Entfaltungsmöglichkeiten?

Wir Erwachsenen sollten überlegen, was wir tun können, um ebenfalls wieder dem Himmelreich nahe kommen zu können.

Vielleicht segnet Jesus uns dann doch noch, bevor er weiterzieht.

 

Ralf Müller


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