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Das goldene Wort

Oktober 2015

Der Segen und die Verantwortung

 
1. Buch Mose, Genesis Kapitel 27, Vers 26-29:

26 Und Isaak, sein Vater, sprach zu ihm: Komm her und küsse mich, mein Sohn!

27 Er trat hinzu und küsste ihn. Da roch er den Geruch seiner Kleider und segnete ihn und sprach: Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der HERR gesegnet hat.

28 Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle.

29 Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mütter Söhne sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet.

 

Der Segen, laut Duden die göttliche Gnade, der göttliche Schutz, der Jakob von seinem Vater zugesprochen wird, ist ein erschlichener Segen, er hat seinen Vater und seinen Bruder Esau, dem der Segen eigentlich zustand, betrogen. So übernimmt er die Verantwortung für die Familie, für seine Nachkommen, für sein Volk: Mit Hilfe eines dreisten Betrugs.

Aber wir können nicht Jakobs Scharfrichter sein, vielleicht haben wir selbst auch schon andere, vielleicht sogar mehr als einmal, betrogen und uns dadurch Vorteile verschafft.

Wichtige Posten in der Gesellschaft, der Kirche, in Unternehmen und in der Politik fallen mir dazu auch ein: Wer ist wie an welchen Posten gekommen?

Sogar die Fußballweltmeisterschaft soll 2006 nur durch Betrug und Bestechung nach Deutschland gekommen sein – ein erschlichenes Sommermärchen.

Vielleicht kann ja ein Mensch mit Fehlern, manchmal sogar ein betrügender Mensch wie Jakob gesegnet und führungsstark sein?

Vielleicht war Jakob von seinen Fähigkeiten her ja besser geeignet als Esau, Verantwortung zu übernehmen.

Das scheint Esau am Ende nach jahrelanger Entfremdung bei der großen Versöhnung der beiden Brüder ja selbst so zu sehen – zumal Jakobs Weg kein leichter war, sondern dornig und schwer.

Und Jakob ist ja nicht nur selbst Betrüger, sondern auch Betrogener; er wird wiederum von seinem eigenen Onkel betrogen. Menschliche Verhaltensweisen, vielleicht auch menschliche Abgründe, werden hier in der Bibel geschildert.

Es gibt aber von Anfang an auch keinen Zweifel, dass der Jakob zugesprochene Segen nicht zurückgenommen wird, sondern dass er ihn zeitlebens behalten wird.

Der Segen ist allerdings im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur ein Segen, sondern auch eine große Last, er bringt eine ständige Verantwortung mit sich, der man gerecht werden muss.

Er bringt auch Zweifel mit sich, ob man wirklich gesegnet ist. Von diesen Zweifeln war auch Jakob nicht frei. Aber immer wieder spürt man auch, dass der Segen wirkt. Eine himmlische Leiter bildet die Brücke zu Gott und gibt neue Kraft.

Man muss aber auch immer wieder um den Segen ringen, um den Segen kämpfen, mit Gott in Dialog treten, es ist ein immer wiederkehrender Kampf, aus dem man nicht ohne Verletzungen hervorgeht.

Der einmal erteilte Segen muss immer wieder bestätigt werden.

Man kann sich also nicht zurücklehnen und sich selbstzufrieden daran ergötzen, dass man von Gott gesegnet ist, sondern man muss nach all den inneren Kämpfen auch etwas mit dem Segen anfangen, ihn weitergeben, sich um andere kümmern, an die nächste, die junge Generation denken, und nicht nur an sie denken, sondern ihr schon so früh wie möglich Verantwortung übertragen; gesegnete und selbständig denkende und handelnde Menschen braucht unsere Welt.

Ich habe gelesen, dass es wieder mehr junge Leute gibt, die sich für Politik interessieren und sich politisch engagieren. Das ist gut und wichtig, gerade in einer Zeit, in der Kriege und menschenunwürdige Verhältnisse Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat treiben, in der so wenige so reich wie nie und so viele so arm wie nie sind, in der weltweite Wirtschaftsabkommen großen Unternehmen nutzen, den Menschen aber wohl schaden werden, in der Nazis geduldet und ungestraft durch unsere Städte ziehen und ihre Parolen verbreiten dürfen.

Jakob hat Verantwortung übernommen, mit all den Schwächen, die er hatte, ist er ein großes Vorbild für uns, denn seine Schwächen zeigen uns, dass auch wir schwachen aber gesegneten Menschen auf unsere Weise Vorbilder sein können.


Ralf Müller


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