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Eine Protest- und Hoffnungsgeschichte
Gedanken zum Erntedankfest
 
„Erst kommt das Fressen und dann die Moral“, lautet das bekannte Wort Bertold Brechts. Er meint damit, daß selbst die beste Gesinnung nichts wert ist, wenn Menschen buchstäblich vor Hunger krepieren.
In merkwürdiger Nähe zu dieser Meinung Bertold Brechts wird in den Evangelien erzählt, wie Jesus einmal in wunderbarer Weise fünftausend Menschen mit zwei Fischen und fünf Broten gesättigt hat – „die Speisung der Fünftausend“ (u.a. Markus 6, 30-44).
Jesus geht es eben auch, so lese ich diese Geschichte, um die ganz elementaren, materiellen, im wahrsten Sinne des Wortes notwendigen Bedürfnisse der Menschen. Er überläßt die Hungrigen und Bedürftigen nicht sich selbst, wie es seine Jünger wohl zuerst im Sinn hatten, sondern durch seine Jünger versorgt er sie mit dem Lebensnotwendigen, durch seine Jünger gibt er ihnen zu essen, um ihren Hunger zu stillen. Jesus weiß offensichtlich sehr wohl, was die Menschen brauchen, daß Grundbedürfnisse zu allererst erfüllt sein müssen, um überhaupt menschlich leben zu können. Denn entgegen allen anderslautenden Gerüchten ist Jesus nicht nur gekommen, um die Seelen der Menschen zu retten, um sich vorwiegend oder gar ausschließlich um die geistlichen Nöte der Menschen zu kümmern, sondern er hat auch ein Herz für die materiellen Genüsse des Lebens. „Fresser und Weinsäufer“ haben sie ihn deshalb ja auch genannt.
So blitzt in der Geschichte von der Speisung der Fünftausend die Hoffnung auf, daß es möglich ist, daß alle Menschen satt werden, wenn nur gerecht geteilt wird. Es ist die Hoffnung auf das Reich Gottes, das mit Jesus in dieser Welt angebrochen ist; die Hoffnung auf eine Welt, in der Gottes Regeln und Maßstäbe gelten; und in der die leiblichen Nöte und Bedürfnisse der Menschen ebenso wichtig sind wie die seelischen und geistlichen.
In einer Welt, die ungestillten Hunger kennt – millionenfach kennt! –, maßloses Elend und ungezähltes Leid, hält die Speisungsgeschichte also die Hoffnung lebendig und wach auf eine Geschichte, auf eine Welt, in der Menschen nicht mehr verhungern müssen, weil wenige am Wohlstand zu ersticken drohen, während den meisten das Nötigste zum Leben vorenthalten wird; eine Welt also, in der nicht mehr eine Minderheit auf Kosten der großen Mehrheit lebt. Indem die Geschichte von der wunderbaren Speisung der Fünftausend als Protest- und Hoffnungsgeschichte zugleich das Gegenbild zu der erfahrbaren Wirklichkeit zeichnet, erhält sie die Hoffnung aufrecht, daß auch eine andere Art des Wirtschaftens und der Verteilung der vorhandenen Güter möglich ist, die sich nicht am freien Markt orientiert, sondern an der Gerechtigkeit Gottes, nach jeder das zum Leben Nötige bekommt. Gott freilich gibt nur für den jeweiligen Tag; Gottes Gaben kann man nicht über den Tag hinaus horten, sonst werden sie stinkend (vgl. 2. Mose 16). Genau darin unterscheidet sich Gottes Gabe ja auch vom Geld, das bekanntlich nicht stinkt.
So ist diese Speisungsgeschichte in einem der Protest gegen die Allmacht des Marktes und die Hoffnung, daß alle Menschen bekommen, was sie zum Leben brauchen.
Genau darum geht es auch am Erntedankfest. Der Dank für die vielerlei Gaben Gottes verbindet sich mit der Mahnung, für gerechte Lebensverhältnisse zu sorgen, Gottes Gaben so zu teilen, das niemand verhungern muß. Dafür stehen und daran erinnern uns die Erntedankgaben. Und deshalb ist Erntedankfest auch in unserer technisierten und hochindustrialisierten (Land-)Wirtschaft noch nötig und sinnvoll.

Detlef Brandenburger

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