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Das goldene Wort

Der Geist der Wahrheit
Pfingsten – das liebliche Fest

...und nun ist Pfingsten auch schon wieder vorbei, aber gewiss nicht abgehakt. Die großen Feste unserer Kirche sind ja samt und sonders nichts zum Abhaken. Sie rufen uns Wendepunkte in Erinnerung, markante Erfahrungen, in denen Gott unserem Leben eine neue Richtung, eine tiefere Dimension, neuen Schwung und eine neue Perspektive eröffnet hat. So auch Pfingsten. „Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht“, lässt Johannes Jesus sagen (Johannes 14, 16-17).
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes habe ich einen Schulanfängergottesdienst begonnen, viele Jahre ist das her, womit auch sonst? Und schon meldete sich der erste aufgeweckte Erstklässler frohgemut zu Wort: „Wat, Geister habt ihr hier auch?“
Nein, damit können wir ja nun wirklich nicht dienen. Noch nicht einmal mit dem Geist der Wahrheit. Der ist versprochen, gerade auch uns. Reden sollen wir von ihm, ihn bezeugen. Warten sollen wir auf ihn, weil er weht, wo er will, und weil wir ihn dringlich nötig haben. Bitten sollen wir um ihn, weil er uns nicht zur Hand ist und zur Verfügung steht. Ich habe die Geschwister noch nie verstanden, die sich auf ihren Geistbesitz etwas zugute halten und ihn wie andere die Meisterschale meinen vor sich her durch die Gegend tragen zu können. Sind wir nicht alle samt und sonders Gottes erklärte Lieblinge aus dem einzigen Grund, weil er uns dazu gemacht hat und aus keinem anderen, bedürftig und von allem Möglichen abhängig, zuallererst aber von seiner Treue und seinem Geist?
Die Wahrheit ist konkret, hat ein kluger Mensch, weiser als ich, gesagt. Komisch, wenn die Rede auf den Geist der Wahrheit kommt, wird oft genug alles reichlich schwammig und unkonkret, mehr Mysterium denn Offenbarung. Weil Gott die Welt geliebt hat, genau deshalb ist die Wahrheit ganz konkret. Und wir ahnen: Der Geist der Wahrheit tut nichts anderes, ist nichts anderes und bewirkt nichts anderes, als Jesus tut und bewirkt und ist. Wir kennen ihn. Er ist kein Fremder. Jesu Worte und seine Taten überwinden uns, bezwingen uns und werden brennend aktuell.
Ich will nach Hause, hat eine betagte Seniorin erklärt, als sie spürte, dass ihr Leben langsam zu Ende ging. Sie war ganz gewiss, dass der allmächtige Gott uns behütet und wir uns bei ihm bergen können. Dass wir jede Menge loslassen müssen und nur eines ganz gewiss ist, dass er uns nicht loslässt. Der Geist der Wahrheit verlockt uns, über unseren oft reichlich beschränkten Horizont zu glauben. Hinterm Horizont geht’s weiter.
Vollkommen sollen wir sein, wird uns in unseren Tagen eingeflüstert, perfekt in jeder Beziehung, stark und gesund und schön und schön aufgebrezelt auch und allwissend, immer Herr der Lage. Und wir wissen, auch wenn wir es nicht jedem auf die Nase binden, wir sind nicht fehlerlos und makellos und unsere Kinder und Freunde und Ehepartner nicht perfekt. Wir sind verletzlich, haben Angst zu versagen, sind unruhig. Und wir ahnen, wir dürfen so bleiben, wie wir sind. Nicht der Schein zählt, sondern das Sein. Wir stehen unter Artenschutz und sind nach Gottes Willen ein Gesamtkunstwerk. Und wenn wir uns das oft genug schon nicht selber glauben können, so wollen wir es doch Jesus, dem Wortführer Gottes, glauben. Wir ahnen, dass wir die Freiheit der Kinder Gottes am eigenen Leibe nie erfahren werden, wenn wir nicht zuallererst darauf hoffen und damit rechnen, dass der Geist der Wahrheit uns zuförderst frei macht vom Zwang, sich selber vollkommen zu präsentieren und selig zu sprechen. Er öffnet uns ja nicht allein die Augen über unsere Welt, er öffnet uns eben zuallererst die Augen über uns selbst, der Geist der Wahrheit. Sicher oft unbequem, aber eben bei genauerer Betrachtung auch ungemein befreiend. Und ist der Schein erst ruiniert, dann lebt sich’s herrlich ungeniert.
Wir dürfen so bleiben wie wir sind. Aber deshalb dürfen wir noch lange nicht tun und lassen, was wir lustig sind. Auch darüber verschafft der Geist der Wahrheit uns Klarheit. Es ist jede Menge Zirkus um uns herum, jede Menge Remmidemmi, und wir ahnen, zurücklegen und die Hände in Unschuld waschen ist nicht angesagt. Es ist Mitmachzirkus. Gott will sich bereit machen und wir sollen ihm nicht im Wege stehen. Und wir ahnen: Es wird besser für uns und für andere, wenn wir nach Gottes Willen fragen mitten im Leben, wo wir gehen und stehen. Wir wissen, wem wir zuallererst verantwortlich sind und was zu tun ist. „Alles was ihr wollt, das euch die Leute tun, das tut ihnen auch“, hat Jesus gesagt. Und wir spüren, „was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ gehört nicht nur ins Poesiealbum. So können dürfen und sollen wir leben, Tag für Tag, weil Gott uns schätzt und die anderen, selbst die, die wir überhaupt nicht schätzen, erstaunlicherweise auch. Das ist nicht zu fassen, und doch ist es so.
Die Wahrheit ist konkret, und der Geist der Wahrheit erst recht. Er tut, ist und wirkt ja nichts anderes, als Jesus tut und wirkt und ist. Uralte Worte werden brennend aktuell, gehen uns nicht aus dem Kopf und aus dem Herzen. Wir sehen das Leben, die Welt, wie sie ist und glauben doch partout, dass sie mit Gottes Hilfe nicht so bleiben muss, wie sie ist. Wir wissen, wo wir hingehören - Gott bedeutet uns Heimat und Schutz und Orientierung, selbst wenn wir das nicht bis in alle Einzelheiten erklären und formulieren können. Ein Buch mit sieben Siegeln wird er uns nie werden. Da ist Gott vor. Dafür steht der Geist eben auch, der Pfingsten losgelassen wurde.
Ich habe die Geschwister noch nie verstanden, die sich über andere erheben und behaupten, sie hätten den Geist der Wahrheit gebunkert, portioniert und vakuumverpackt in 500 g Päckchen. Er steht uns ja nicht zur Verfügung, er weht ja, wo er will. Nach Gottes erklärten Willen steht er noch nicht einmal Pastorinnen und Pastoren, Superintendentinnen und Superintendenten und dem Präses unserer Landeskirche in Sonderrationen zur Verfügung. Aber er weht ja. Und er wird auch uns beflügeln, wann und wo er will. Er ist uns versprochen, immer neu. Wir sollen auf ihn warten und um ihn bitten und wir wissen, wenn er uns ergreift, dann wird jede Menge klarer und der Nebel lichtet sich. Hinter unserer Welt der Coca-Cola-Kistenkuriere, Millionenshows, Meister- und Dessertschalen und Schlafmünzen, die irgendwo schlummern, sogar in kirchlichen Portokassen, lauern noch ein paar andere, gewichtigere Fragen, die uns wirklich beunruhigen und an uns nagen: Werde ich dem Leben standhalten können, egal was kommt? Wohin kann ich mich flüchten, wenn ich am Ende bin? Es gibt kein wahres Leben im falschen. Woran kann ich mich orientieren? Alles soll sich rechnen heute. Wieso eigentlich? Reicht es nicht oft auch, wenn es mir und anderen von Herzen gut tut, auch wenn es sich nicht die Bohne rechnet? Wenn der Geist der Wahrheit uns erleuchtet, dann kommt Freude auf. Freude darüber, dass wir an Gott hängen dürfen und er an uns hängt. Freude über seine Schöpfung. Freude darüber, dass Gott mich schätzt und ich deshalb auch allen Grund habe, mich selbst zu schätzen.
Der Geist der Wahrheit ist konkret, höchst konkret. Er tut ja nichts anderes als Jesus tut und will und ist. Er umwabert ja nicht irgendwen und irgendwas. Er will uns beflügeln, Dich und mich, nicht mehr, aber weniger gewiss auch nicht.

Ulrich Danielsmeier
 

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