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Das goldene Wort

"Noch Fragen?"

Im 1. Petrusbrief heißt es:

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt! (1. Petrus 3,15b)

Ich las ich diesen Vers, lief zu meiner Kollegin und sagte: "Guck mal, ist der nicht schön." Und sie: "Nee. Ich habe keine Lust, jemandem Rede und Antwort zu stehen." Worauf ich entgegnete: "Ich werde dich zitieren." Was ich gerne tue, denn nun sind wir schon mitten in der Diskussion. Rede und Antwort stehen zu müssen – damit verbinden die meisten nichts Gutes. Man denkt an Situationen, wo man stramm stehen muss, weil z. B. etwas schief gelaufen ist und man Rede und Antwort stehen muss für angebliche Fehler. In der Regel Menschen gegenüber, die sich anmaßen, mein Tun bewerten und beurteilen zu können: Chefs oder Pfarrer z. B. oder auch früher die Eltern. Nee, solche Situationen sind einem höchst unangenehm. Man fühlt sich klein gemacht, nicht ernst genommen. Da wächst der innere Widerstand. So etwas hat man schließlich nicht nötig.

Ich kann meine Kollegin also ganz gut verstehen, wenn sie auf den Vers so reagiert.

Die ersten ChristInnen damals, denen der Apostel Petrus diese Worte geschrieben hat, werden ähnlich reagiert haben. Damals wurden sie nämlich aufgrund ihres christlichen Glaubens von Staats wegen verfolgt. Wenn sie auffielen, wurden sie vor weltliche Gerichte gezerrt, wo sie Rede und Antworten stehen mussten, ob sie aufgrund ihres Glaubens dem Staat, vor allem dem Kaiser gegenüber loyal sein könnten. Waren sie nicht überzeugend, erwartete sie die Todesstrafe. Dass die Christenmenschen damals nicht auf solche Situationen erpicht waren, ist klar.

Aber Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei. Heute werden wir Christenmenschen – zumindest in unseren Breitengraden – nicht mehr verfolgt. Überhaupt werden wir nicht mehr nach unserem Glauben gefragt. Die Sorge der damaligen Christinnen und Christen sind wir also los.

Aber genau das ist der Punkt, der mich beschäftigt, seitdem ich diesen Vers gelesen habe. Kein Mensch, kein Nachbar, keine Arbeitskollegin, kein Jugendlicher fragt mehr danach, woran wir glauben oder nicht glauben. Kein Mensch kommt auf die Idee, danach zu fragen, welche Hoffnungen uns tragen, trösten, lebendig machen, was unserem Leben einen Sinn und eine Richtung gibt. Niemand fragt. Und irgendwie finde ich das bedauerlich.

Bedauerlich? Einige mögen denken: "Gott sei Dank, dass niemand fragt. Was soll oder könnte ich denn sagen? Ich kann mit sowas nicht umgehen, bin unsicher, fange an zu stottern. Da gibt’s doch Leute, die für sowas viel besser ausgebildet sind." Ich glaube, die Antworten sind nicht das Problem. Jede Antwort, die authentisch, ehrlich ist, ist wirkungsvoller als eine theologisch durchdachte Argumentation. Aber wie gesagt: das Problem ist, es fragt ja sowieso niemand.

Woran das liegt?

Ich könnte mich jetzt lang und breit über unsere pluralistische Gesellschaft auslassen, in der das Christentum nur noch eine Rolle unter vielen anderen spielt. Oder über unsere Zeitgenossen, die mit Religion oder Sinnfragen nichts oder wenig am Hut haben. Spannender finde ich, auf uns selbst zu gucken. Kann es nicht sein, dass wir vielleicht den anderen gar keinen Anlass geben, uns nach unserem Glauben zu befragen? Kann es nicht sein, dass wir alles vermeiden, um uns zu outen als jemand, der gläubig ist und sich in der Kirche engagiert?

Sicher – man liest: Religion ist zur Privatsache geworden. Und über Privates spricht man nicht so gerne. Aber ist das nicht ein Mythos? Alles, was irgendwann einmal zur Privatsphäre gehörte – jede sexuelle Vorliebe, jeder Toilettengang von Manu ("Big Brother!") – wird in der Öffentlichkeit breit getreten. Nur wir – wir outen uns nicht. Vielleicht aus Scham – oder weil man keine Lust hat, Rede und Antwort zu stehen? Und ich frage mich, ob man nicht auch etwas von sich verleugnet, was einem irgendwie ja doch wichtig ist.

Wofür ich plädiere? Bestimmt nicht, dass man uns meilenweit als Christenmenschen erkennt, dass alle die gleichen Kleider oder Frisuren tragen oder den gleichen Lebensstil haben. Mein Plädoyer geht eher in die Richtung, ob wir uns nicht deutlicher durch Worte und genauso durch Taten outen müssten.

Wieso reden wir eigentlich nicht über unseren Glauben? Selbst wir Christenmenschen tauschen wir uns darüber kaum aus. Welche Bilder von Gott gehören zu unserem Glauben? Wie stellen wir uns das Leben nach dem Tod vor? Was bedeutet es, zu beten? ... Wir wissen kaum etwas voneinander: Wissen Sie, was Ihre Frauen, Männer, Freundinnen und Freunde glauben? Wir reden nicht drüber.

Und da ist es auch kein Wunder, wenn wir anfangen zu stammeln, falls irgendjemand doch mal auf die Idee kommt zu fragen. Kinder zum Beispiel, die wissen wollen, wo der liebe Gott wohnt und ob er sich auch täglich die Zähne putzen muss.

Durch Taten könnten wir uns auch outen. Klar versucht jeder, ein guter Mensch zu sein oder als gläubiger Mensch immer das Gebot der Nächstenliebe zu befolgen. Aber gelingt es tatsächlich, sich so zu verhalten, dass andere aufhorchen, stutzig werden, nachfragen? Geben wir tatsächlich genug Anlässe, dass jemand fragt, mit welcher inneren Haltung wir leben?

Es sind die Fragen, die weiterbringen, die Neugierde, Zweifel, die geäußert werden... – nicht die fertigen Antworten. Und wenn Sie jetzt noch eine Frage haben, dann ist etwas in Bewegung gekommen...Ilona Klaus

Fragen zu dieser Andacht beantwortet

Ilona Klaus
Pfarrerin im Ev. Jugendpfarramt des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid

oder jeder andere Christenmensch, ein Familienmitglied, eine Kollegin, ein Kollege, eine Freundin, ein Freund...
 

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