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Das goldene Wort

Das Leben geht weiter

"Das Leben muß weitergehen", höre ich oft bei Beerdigungsgesprächen. Gerade bei besonders überraschenden, plötzlichen oder auch besonders tragischen Todesfällen ist diese Selbsteinrede oft so etwas wie der letzte Rettungsanker, der letzte Trost, der einen nicht völlig am Leben verzweifeln lassen soll. Doch klingt dieser Satz zumeist wie das berühmte Pfeifen im Walde im Angesicht des Todes, der Trauer und der Verzweifelung darüber, wo man doch eher das Gefühl hat, daß alles zu Ende ist, man selbst vor allem am Ende ist. "Das Leben muß weitergehen" – das klingt trotzig im Angesicht des Todes, wo der Tod doch nun einmal das Ende bringt und auch ist, und es eben nicht einfach so weitergeht wie bisher. Der Tod ist nun einmal das Ende aller Hoffnungen, Pläne, Wünsche, ja des Lebens selbst. Und auch die so trotzige und auch so banale Behauptung, daß das Leben weitergeht, weitergehen muß, ist im Grunde doch nur das Eingeständnis, wie sehr man tatsächlich am Ende ist.

Im Johannesevangelium wird von Maria aus Magdala erzählt, wie sie am Grab Jesu stand und weinte. Eine vertraute Szene: Frauen auf dem Friedhof, Frauen, die am Grab stehen und vor sich hindenken, auch weinen, Frauen, die am Grab einen Ort haben, an dem die Vergangenheit stärker lebendig wird als irgendwo sonst. Eine vertraute Szene.

Und doch ist alles ganz anders. Das Grab ist leer. Maria hat nicht einmal mehr einen Ort, an dem sie sich ausweinen kann. Jetzt, da selbst ihre Trauer keinen Ort mehr hat, vor dem Nichts steht, was ist da näherliegender, als sich in jeder Beziehung nostalgisch an die Vergangenheit zu klammern, nur noch in vergangenen Erinnerungen zu leben?

Doch genau diesem Rückzug aus dem Leben in die Vergangenheit stellt sich der lebendige Jesus selbst entgegen. Und obwohl Maria in ihrer Trauer und Verzweifelung nichts merkt, blind geworden ist für die Erscheinung Jesu, ist er längst da. Auch wenn ihre Augen gehalten sind, sie ihn nicht erkennen kann, ist er ihr schon längst gegenwärtig. Erst als er sie anspricht, erkennt sie ihn. Um Jesus als den Auferstandenen, als den Lebendigen erkennen zu können, muß er selbst uns anreden.

"Maria", spricht Jesus. Er ruft sie bei ihrem Namen und gibt sich so zu erkennen. Ihr Name, von Jesus gesprochen, trifft sie ins Herz.

Maria ist wie umgewandelt. War also alles doch nur ein böser Traum? Doch etwas ist grundsätzlich anders geworden als es vorher war. Auferstehung ist nicht Rückkehr aus dem Tod, sondern Überwindung des Todes. Und so kann Maria auch nicht einfach dort wieder anknüpfen, wo sie vor dem Tode Jesu aufgehört hatte. Maria muß lernen, das Bild des irdischen Jesus loszulassen. Denn es geht nicht darum, daß es wieder wie früher wird, auch nicht um die Pflege des Andenkens an einen Toten, sondern darum, ihn als Lebendigen zu gewärtigen.

Die Begegnung, die Maria erleichtert, verlangt viel von ihr. Aber gerade so wendet sie ihren Blick zurück ins Leben, stellt sie auf den Weg in die Zukunft - unter Schmerzen, aber in Freiheit und Mündigkeit. Der lebendige Jesus bleibt ihr treu. Maria wird ins Leben zurückgeschickt. Sie soll loslassen, um ihr Leben wiederzufinden. Dabei wird sie der lebendige Jesus begleiten.

"Da Leben geht weiter" – das ist dann im Angesicht von Ostern keine trotzige Selbstvertröstung mehr, auch nicht mehr das Eingeständnis, selbst am Ende zu sein, sondern die Gewißheit und Zuversicht, daß Gott in Jesus tatsächlich einen neuen Anfang gemacht hat und immer wieder macht. Er selbst ruft uns beim Namen, gerade dann, wenn wir meinen, am Ende zu sein, vor den Trümmern unserer Hoffnungen und Wünsche zu stehen. Das Leben geht weiter, denn der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

Frohe Ostern!

Detlef Brandenburger

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