zurück zur Startseite der Ev. Jugend Rotthausen

Versuchung

Als „die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt“, preist die Werbung die Schokolade mit der lila Kuh und suggeriert damit, dass Versuchung doch eigentlich etwas süßes, angenehmes, delikates ist. Derart verharmlost werden die wahren, entscheidenden Versuchungen unseres Lebens aber verschleiert oder gar nicht mehr wahrgenommen: Besitz, Ehre, Macht – Versuchungen, die unser Leben entscheidend prägen.
Im Matthäus-Evangelium wird die Versuchung Jesu erzählt. Diese Versuchung reicht in die Tiefe der Existenz. In ihr fällt die Grundentscheidung für seinen weiteren Weg. Denn in ihr entscheidet sich, ob Jesus seinen weiteren Weg für uns geht. Es ist von entscheidender Wichtigkeit, dass, bevor unsereins in der Geschichte von Jesus eine Rolle spielt, wir zunächst einmal außen vor sind. Damit geklärt ist, welche Rolle wir auf seinem weiteren Weg spielen.
Bevor also unsereins seinen Platz in der Geschichte findet, spielen zwei andere Gestalten eine Rolle: der Täufer und der Teufel. Beide sprechen ihn an, um ihn von seinem Weg abzubringen, um den Weg Jesu in andere Bahnen zu lenken. Der Täufer und der Teufel – beide versuchen ihn: der Täufer in bester, der Teufel in teuflischer Absicht. Der Täufer argumentiert demütig und fromm: Nicht du bedarfst meiner Taufe, sondern ich bedarf deiner Taufe. Der Teufel argumentiert, wie es sich für ihn gehört, theologisch: es steht geschrieben ...
Beide führen Jesus in die Versuchung: in die Versuchung, oben, ganz oben seinen Platz zu suchen, da, wo wir nicht sind. Dahin, wo die Mächtigen unter sich sind, wünscht ihn der Teufel. Dahin, wo die Heiligen unter sich sind, wünscht ihn der Täufer. Der Täufer und der Teufel – beide gefährden den Weg Jesu zu uns. Deshalb waren sie die ersten, mit denen er Worte wechselte. Erst danach, erst nach dem Wortwechsel mit Täufer und Teufel, spricht er mit unseresgleichen.
Der Täufer und der Teufel - beides gehört zusammen: Auf den Blick in den geöffneten Himmel und daraus Gottes Stimme: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“, folgt sogleich die Macht des Bösen, die Gottes Wort infrage stellt. Es sind die Mächte, die bis heute Gottes Wort infrage stellen in der Gestalt der ökonomischen, der religiösen und der politischen Versuchung. Sie beanspruchen die Macht für sich – bis zum heutigen Tage. Und man kann allenfalls darüber streiten, welche Versuchung die gefährlichere ist.
Dabei ist der Versucher kein Atheist oder ein Ungläubiger oder gar ein Lügenbold, sondern er hält sich subtil und genau an Gottes Wort; freilich so, dass er Gott dabei das Wort im Munde umdreht; statt ihm zu vertrauen, Beweise fordert.
Der Hinweis allein auf die Schrift verbürgt also längst nicht die Wahrheit, denn auch hier widersteht Jesus der Versuchung mit der Erinnerung an ein anderes Schriftwort. „Wiederum steht auch geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“
Und die Frage ist, auf welchem Weg Jesus zur Herrschaft gelangt: auf dem Weg der Macht oder auf dem Weg der Liebe. Ist es der kurze Weg der Huldigung an die Macht und ihre Vergötzung mit Hilfe militärischer Stärke und Kriegsmaschinerien, die alle Welt unter ihren Willen zwingen will und die alle, sie sich ihr entgegenstellen, in Wort und Tat niedermachen, oder ist es der leidvolle Weg des unbedingten Vertrauens, das auch die völlige Ohnmacht, sogar das Sterben durchhält? Der Teufel will niedermachen, will, dass wir vor der Macht in die Knie gehen und niederfallen. Der Sohn Gottes aber richtet auf, wie er in den Krankenheilungen zeigt, stellt uns auf eigene Beine.
Damit ist entschieden, welchen Weg Jesus gehen wird: nicht den Weg der Macht und Gewalt, sondern den Weg der Liebe, die auch leidet, notfalls bis zum bitteren Ende.
So hat er seine Gottessohnschaft in Demut und Vertrauen bewährt, indem er sich unter Gottes Wort stellt und ihm allein gehorsam ist. Jesus ist nicht den Einflüsterungen des Versuchers gefolgt, wie noch das erste Menschenpaar, und hat seine Gottähnlichkeit nicht als Besitz betrachtet und in die eigenen Hände genommen und für sich ausgenutzt.
So wird er nach seiner Auferstehung wieder auf einem Berg stehen, und die Jünger werden vor ihm niederfallen, und er wird ihnen die Herrlichkeit des Reiches Gottes zeigen. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden ... Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Amen.

Detlef Brandenburger
 

zurück zur Startseite der Ev. Jugend Rotthausen