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Das goldene Wort
März 2001

Wozu fasten?

Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist. Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage. (Mk 2,18-20)
Passionszeit ist Fastenzeit. Für meine katholischen Freundinnen früher bedeutete diese Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern stets eine deutliche Reduzierung ihres Konsums an Süßigkeiten. „Wir Evangelischen brauchen das nicht“, habe ich ihnen gesagt und mir dabei vorgestellt, wie ich nun jederzeit vor ihren schmachtenden Augen genüsslich ein Bonbon aus seinem Papier hätte wickeln können, um es langsam in meinem Munde schmelzen zu lassen.
Wozu fasten? Wenn es angesagt war, hat Jesus gefeiert, sich einladen lassen vom verachteten Zöllner oder vom angesehenen Pharisäer, hat mit anderen gegessen und getrunken, was auf den Tisch kam. Wie auf einer Hochzeitsfeier ist es, wenn Jesus mit den Menschen um einen Tisch sitzt. Hungernde werden satt; wer geweint hat, wird getröstet; die Verachteten erlangen Achtung zurück; die Einsamen erfahren erneut, wie schön es in Gemeinschaft ist. Das ist die Freude pur. Das ist das Heil. Das ist es, wonach wir uns sehnen. Seht her, das ist euer Gott, der für euch alles zur Gabe werden lässt: Essen und Trinken, Vergebung und Liebe, das Miteinander und das Angenommensein. Die Mahlgemeinschaft Jesu ist die Erfüllung der Zeit, unüberbietbar, uneinholbar. Davon zehren wir bis auf den heutigen Tag. Das ist unsere Quelle. Brot und Wein erinnern uns daran, dass die Lebendigkeit unseres Glaubens der Freude entspringt.
Wozu also fasten? Alles ist Gottes gute Gabe, ohne Einschränkung, uns zum Gebrauch gegeben. Aber eben als Geschenk! Es ist also nicht so, dass uns alles auf dieser schönen Erde von vornherein gehören würde. Ein Geschenk soll man in Ehren halten, wie das so ist mit Geschenken, über die man sich sehr gefreut hat. So ein Geschenk gehört einem zwar, aber man vergisst nie, dass man es von einem anderen hat. Und wenn jemand es bewundert, wird man nie sagen: das gehört mir, sondern: das hab ich von dem und dem. In Bezug auf Gott aber haben wir das vergessen. Gott als der Geber aller guten Gaben kümmert uns nicht mehr. Die Welt gehört uns. Und wer schlau ist, der sieht bei Zeiten zu, dass er sich sein Stück Anteil an dieser Welt sichert. Und am Ende haben manche ganz viel und andere gar nichts.
Ja, und dann hat man so einen Tisch voller Güter, Essen und Trinken satt, jeden Tag sein Stück Fleisch, wenn man will, Und die Soße dickt man statt mit einer Mehlschwitze mit Sahne ein, und die Fernsehköche zaubern uns wahre Kunstwerke auf den Teller, weil man doch auch mit dem Auge isst. Und trotzdem schmeckt alles nicht richtig. Im Moment erst recht nicht. Die Lebensmittelskandale haben uns den Rest gegeben. Der Bissen bleibt im Halse stecken. Es fehlt uns an nichts und es fehlt uns doch was. Und was uns fehlt, werden wir nicht finden, indem wir immer weiter alles Vieh auf dieser Erde zu bloßen Fleischliefermaschinen degenerieren.
Ich erinnere mich an ein Zusammensein in der Gemeinde, da gab es statt Kaffee und Kuchen Wasser und frisches Brot mit ein wenig Butter. Und alle gerieten ins Schwärmen, wie wunderbar doch sein eigenes Brot dufte, und dass das eigentlich immer noch das beste sei, so ein Stück frisches Brot.
Auf der Suche sein nach dem, was schmeckt: Von Franz Kafka gibt es eine Erzählung, die heißt der Hungerkünstler. Sie erzählt von einem Mann, der mit seiner Kunst zu hungern zu Berühmtheit gelangt. Am Ende hungert er sich zu Tode. Alle glauben, das Hungern sei ein schweres Stück. Aber für den Hungerkünstler ist es etwas ganz anderes. Er sagt: „Ich habe gehungert, weil ich die Speise nicht finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie alle.“ An diese Geschichte muss ich immer denken, wenn mir Mädchen begegnen, die wie ein Spatz essen, weil sie sich zu dick fühlen, weil sie das Essen nicht mehr riechen können. Ist es nicht verrückt, dass in unserer Wohlstandswelt plötzlich Essstörungen zu einem ernsten Problem werden; die einen stopfen aus Verzweiflung und Einsamkeit alles in sich hinein, die anderen sind so mit den Nerven am Ende, dass sie morgens erst einmal erbrechen.
Es fehlt uns an nichts und es fehlt uns doch Entscheidendes. Wir müssen den Weg zur Freude zurückfinden, zu dem, was die Mahlgemeinschaft mit Jesus meint: das Miteinander Essen als Ausdruck der Liebe und Gemeinschaft.
Auf einem Fastentuch aus Haiti ist gemalt, wie es gemeint ist. In der Mitte ist der gekreuzigte Jesus gezeichnet. Doch das Holz, an dem er hängt, wird zu einem blühenden Baum. Rechts und links zu beiden Seiten ist gemalt, worunter die Menschen Haitis zu leiden haben: Armut, Unterdrückung, Gewalt. Aber oben, der Baumkrone nahe, sieht man einen Tisch mit Menschen, die miteinander essen und miteinander reden und fröhlich sind. Das ist das Heil. Und wenn wir wollen, sind auch wir eingeladen an diesen Tisch, haben auch wir Teil daran.

Sonja Timpe-Neuhaus
 
 

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